9.2 Farbe: eine Wissenschaft für sich 

Um Farbe im (Screen)design gezielt einsetzen zu können, sind Kenntnisse der Entstehung, Wahrnehmung und Wirkung hilfreich. Verschiedene Wissenschaften beschäftigen sich mit dem Thema Farbe. Die Physik ist für die Farbenlehre das bedeutsamste Fachgebiet. Sie erklärt, wie Farbe überhaupt entsteht. Die Physiologie ist die Lehre der Lebensvorgänge. Sie behandelt die Farbwahrnehmung des Lichtes im menschlichen Auge. Die Psychologie versucht, die Wirkung der Farben und Farbkontraste auf die menschliche Psyche zu erklären.
Lesestoff zum Thema Farbe
Interessante kurzweilige Artikel rund um das breitgefächerte Thema Farbe finden sich bei farbimpulse.de.
Abbildung 9.3 Farbe in Wissenschaft und Praxis: farbimpulse.de
9.2.1 Licht und Farbe 

Ohne Licht keine Farbe. Ohne Licht stehen wir sprichwörtlich im Dunkeln. Farbwahrnehmung braucht Licht. Licht ist ein Teil elektromagnetischer Strahlung, also Schwingungen mit bestimmter Wellenlänge, die sich im Raum ausbreiten.
Das menschliche Auge kann von den einfallenden Lichtstrahlen einen kleinen Bereich zwischen den Infrarot-Wärmestrahlen und den ultravioletten Strahlen wahrnehmen. Der sichtbare Bereich beginnt bei Blauviolett (etwa 400 nm) und geht bis Rot (Wellenlänge von etwa 700 nm).
Abbildung 9.4 Das Farbspektrum des sichtbaren Lichtes. Links folgt der ultraviolette, rechts der Infrarotbereich.
Die Reihenfolge der einzelnen Farbtöne des Spektrums ist aus dem Regenbogen bekannt, wenn »weißes« Licht gebrochen wird.
Damit wir überhaupt Dinge erkennen können, muss entweder eine Lichtquelle existieren, also ein Gegenstand selbst leuchten (z. B. Monitor), oder ein Gegenstand muss angestrahlt werden und das Licht zurückwerfen. Dabei werden meistens Teile des Lichtes verschluckt (absorbiert) oder reflektiert. Das reflektierte Licht ergibt dann den Farbeindruck.
9.2.2 Wie unsere Farbwahrnehmung funktioniert 

Licht trifft auf einen Gegenstand und wird (zum Teil) von diesem reflektiert. Unterschiedlich lange Lichtwellen treffen anschließend auf unsere Augen und lösen in den Sehzellen unserer Netzhaut einen Reiz aus. Diese Sehzellen bestehen aus sogenannten Stäbchen und Zapfen. Mithilfe der Stäbchen lässt sich Hell und Dunkel unterscheiden, während die Zapfen für die Unterscheidung von Farben zuständig sind.
Der Lichtreiz wird von den Sehzellen an das Gehirn weitergegeben. Hier wird der Reiz interpretiert, und es entstehen Farb- und Formempfindungen.
Abbildung 9.5 Der Sehvorgang
Das Auge nimmt jede einzelne Wellenlänge wahr. Dies zeigt sich z. B. beim Regenbogen, wenn Regentropfen das weiße Tageslicht in der Luft zerlegen, sodass ein farbiger Regenbogen entsteht. Das Licht besteht also aus einer Mischung verschiedener Wellenlängen. Die unterschiedlichen Wellenlängen des normalen Tageslichtes erscheinen dem Auge zusammen weiß. Da die Farbwahrnehmung erst im Gehirn stattfindet, ist diese subjektiv, also individuell unterschiedlich, aufgrund der jeweiligen Beschaffenheit der Augen.
9.2.3 Farbpsychologie 

Die Wahrnehmung einer Farbe ist eine Sinneswahrnehmung, die sich rein auf die optische Erscheinung bezieht. Man kann dabei unterscheiden zwischen bunten (chromatischen) Farben wie Gelb, Rot und Blau und unbunten (achromatischen) Farben wie Weiß, Grau und Schwarz.
Abbildung 9.6 Achromatische und chromatische Farben
Unter verschiedenen Lichtquellen verändert sich die Farbe, genauso wie Farben zueinander in wechselseitiger Beziehung stehen. Deshalb besteht in der optischen Wahrnehmung oft ein Widerspruch zwischen physikalischer Wirklichkeit und psychischer Wirkung einer Farbe. Die Farbwahl sollte man als Webdesigner also nicht dem Zufall überlassen. Grundlegendes Wissen über Farben, ihre Bedeutung und Assoziationen helfen dabei, die richtige Farbgebung zu finden, und bewahren Sie davor, auf unpassende oder ausgediente Farbkombinationen zurückzugreifen.
Farben wirken emotional und sind assoziativ | Die Wirkungen von Farben auf den Menschen sind sehr unterschiedlich, und doch lassen sich auch Gemeinsamkeiten finden. Farben können unterschiedliche Assoziationen, also Vorstellungen oder erlernte Erinnerungen, erzeugen und durch ihre spezifische Farbwirkung von individuellen Erfahrungen geprägte Gefühle auslösen.
Viele Empfindungen werden uns von klein auf durch unsere Kultur und die Erziehung eingeprägt. Unsere Wahrnehmung ist darüber hinaus geprägt durch Moden und Trends. Dazu kommt, dass wir Farbe so gut wie nie losgelöst von ihrer Umgebung betrachten, sondern diese immer in Wechselwirkung mit Formen und vor allem mit einer oder mehreren anderen Farben wahrnehmen. Sobald zwei oder mehr Farben nebeneinander- oder aufeinanderstehen, beeinflussen sie sich sofort gegenseitig in ihrer Wirkung (dazu später mehr in Abschnitt 9.6, »Farbkontraste«). Auf orangina.eu ergänzen sich so z. B. ein erfrischendes Blau und ein warmes Orange, um den Produktcharakter des Softgetränks stimmig zu unterstreichen.
Abbildung 9.7 Erfrischendes Blau und warmes Orange verstärken sich in ihrer Wirkung, orangina.eu.
Dass Farbe heute in der Gestaltung unserer Umwelt wie in der Werbung und Unternehmenskommunikation eine bedeutende Rolle spielt, ist nur die logische Fortsetzung einer langen Entwicklung. Schon in den frühen Kulturen wurden Farben gezielt von religiösen und weltlichen Herrschern vereinnahmt, um Menschen damit zu beeinflussen. Künstler wie die Maler Franz Marc und Wassily Kandinsky oder der Dichter Johann Wolfgang von Goethe haben versucht, Farben bestimmten Stimmungen und Gefühlen zuzuordnen. Auf die emotionale Wirkung von Farben komme ich im Verlauf dieses Kapitels noch ausführlich zu sprechen.