1.5 Das Webdesign und sein Umfeld 

Die Gesellschaft und damit auch die Marketing- und Werbewelt haben sich in den letzten Jahren entscheidend verändert. Globalisierung, Konsumismus, Schnelllebigkeit, Digitalisierung und Informationsgesellschaft sind die Schlagworte dieser Veränderung, und das Internet ist ihr digitaler Motor.
Webdesign und sein Ergebnis, also Webanwendungen aller Art, sind in einem größeren Rahmen zu sehen und kein isoliertes Betätigungsfeld. Webanwendungen sind in einem Unternehmen Teil einer größeren Marketing-Strategie (siehe Abschnitt 3.4.6, »Die Rolle des Webauftritts im Marketing-Mix«). Und Unternehmen arbeiten immer in einem Spannungsfeld zwischen Kunden, Interessenten, der allgemeinen Öffentlichkeit, Konkurrenzunternehmen und der gesellschaftlichen Entwicklung in den unterschiedlichsten Bereichen (Wirtschaft, Kultur, Politik usw.).
1.5.1 Die Märkte und der Wettbewerb 

Ein (zwischenzeitliches) Resultat von Konsumgesellschaft und freier Marktwirtschaft ist, dass die Märkte gesättigt und Produkte und Dienstleistungen austauschbar geworden sind. Dies hat zur Folge, dass die Konsumenten (also wir alle) immer weniger an sachlichen Informationen interessiert sind. Gleichsam hat das Angebot an Produkten und Dienstleistungen stark zugenommen und ist zunehmend weniger transparent, was auch den Aufwand, sich mit allen Angeboten ausreichend auseinanderzusetzen, um dann eine rationale Entscheidung zu treffen, deutlich steigert. Bei vergleichbaren Produkten erfolgt eine Unterscheidung von Angeboten bei den Konsumenten im Wesentlichen nur noch über kommunikative Maßnahmen.
Abbildung 1.21 Ein sprichwörtlicher Kommunikationswettbewerb: Telekom vs. Vodafone
Auf gesättigten Märkten wird die Kommunikation damit zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor. Wer kann beispielsweise die Telekommunikationsanbieter noch auseinanderhalten bzw. deren konkrete Angebote? Meistens unterscheiden sich die Anbieter (und das ist auf viele andere Branchen übertragbar) nur in Feinheiten. Mal ist hier das eine Produkt etwas günstiger, dafür dort der Tarif, und der Dritte hat beim Service (kennt noch einer Marcell D’Avis?) leicht die Nase vorn – aber nächsten Monat kann das schon wieder ganz anders aussehen.
Daher stecken die Unternehmen sehr viel Geld in die Kommunikationsmaßnahmen, um überhaupt noch aufzufallen und zumindest kommunikativ, z. B. durch Bilder und deren Aussage, eine Differenzierung im Wettbewerb zu erreichen. So findet eine Veränderung vom Produktwettbewerb hin zum Kommunikationswettbewerb der Unternehmen statt. Webanwendungen sind Teil dieser Kommunikationsstrategie. Webdesign ist Kommunikation (siehe gleichnamiger Abschnitt 3.5).
1.5.2 Content Marketing und die Informationsüberflutung der Konsumenten 

Der Kommunikationsaufwand der Unternehmen ist in den letzten Jahren ebenso gestiegen wie das Medienaufgebot. Wer in unserer schnelllebigen Welt überhaupt noch wahrgenommen werden will, muss ständig Inhalte produzieren. Content Marketing ist hier das neue Buzzwort, das jedes Unternehmen vom Global Player bis zum Selbstständigen umtreibt. Relevante, hochwertige Inhalte, die einen Mehrwert liefern, sollen wir alle ständig erzeugen, um bei der relevanten Zielgruppe Gehör zu finden. Das treibt damit nicht nur die Unternehmen in immer neue Zwänge und Verantwortungen. Vor allem kommt es dadurch auch zu einer ständigen Reiz- und Informationsüberflutung der Konsumenten. Dadurch haben wir alle unser Informationsverhalten verändert und angepasst.
Begrenzte Aufmerksamkeit
Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist noch groß. Interessante, eigentlich eher erschreckende Statistiken dazu gibt es bei statisticbrain.com/attention-span-statistics.
Die angebotenen Informationen werden flüchtiger und selektiver aufgenommen – eine Schutzreaktion, denn wir können gar nicht alle Informationen unserer Umwelt aufnehmen, nicht bei einem ruhigen Waldspaziergang und erst recht nicht in belebten Einkaufsstraßen deutscher Großstädte, genauso wenig wie beim täglichen Surfen durch unzählige Webseiten und Newsstreams sozialer Netzwerke. Durch die Informationsüberflutung wird es für Unternehmen immer schwieriger, für die gewünschte Aufmerksamkeit für sich und ihre Marken zu sorgen.
Webseiten stehen nicht nur im Wettbewerb mit vielen anderen Webseiten, sondern müssen auch dieser Informationsflut Rechnung tragen. Die Inhalte einer Webseite sollten daher schnell erfassbar sein und leicht konsumierbar. Mehr dazu in Kapitel 5, »Informationsarchitektur«.
1.5.3 Werteveränderung in der Gesellschaft 

Und dann kommt noch eine Werteveränderung in der Gesellschaft hinzu. Disziplin, Gehorsam, Selbstbeherrschung, Enthaltsamkeit und Geduld sind Werte, die nicht sehr zeitgemäß klingen. Heute zählen eher Genuss, Kreativität, Individualität, Selbstentfaltung und Gemeinschaftserlebnisse. Die Erlebnisorientierung steht an erster Stelle, und als Folge sind Emotionen bzw. deren Vermittlung sehr wichtig geworden. Ob diese Emotionen wirklich selbst gefühlte oder eher passiv wahrgenommene sind, ist dabei oft egal.
Kurze Infohäppchen
Das Bedürfnis nach schnell aufnehmbaren und vereinfachten Informationen zeigt sich in vielen Entwicklungen. Infografiken gehören dazu, der Minimalismus-Trend, aber auch soziale Netzwerke wie YouTube, Pinterest und Twitter. Die einen bieten statt langer Texte Videos und Bilder und Letzteres nur 140 Zeichen pro Nachricht.
Emotionen spielen daher auch im Webdesign eine immer größere Rolle. Mit Bildern und Farben lassen sich Emotionen erzeugen, aber auch mit Worten. Der Einsatz von Emotionen im Webdesign wird in Abschnitt 3.12.3, »Emotionen wirken«, und Kapitel 11, »Bilder und Grafiken«, noch ausführlicher dargestellt.
Abbildung 1.22 Emotionen werden auch im Webdesign häufig durch großflächige Bilder oder Videos vermittelt, wie hier bei praxis-alex-berlin.com und purplerockscissors.com.